
Seit damals bringe ich meiner Sprotte nur noch sehr selten spontan irgendwelche Kleidungsstücke mit. Erstens, weil sie die Sachen sowieso anprobieren muss, das Gör wächst nämlich unermüdlich, und zweitens, weil das Kind die Sachen zwar höflich anprobiert, aber dann sofort so angewidert das Gesicht verzieht, als wollte ich es zwingen, nicht panierte Kakerlaken zu essen. Das macht keinen Spass. Ihr nicht und mir auch nicht.
Was waren das noch für Zeiten, als ich die halbjährlichen Einkaufsarien selbst erledigt habe! An den kinderfreien Wochenenden bin ich in die Stadt gefahren, habe die Sachen ausgesucht und gekauft, diese dekorativ auf dem Bett ausgebreitet, mich an ihren strahlendem Blick “Alles für mich? Echt?” ergötzt und mein Muttergefühl aufblasen lassen.
Vorbei, vorbei. Dieses Mal kommt sie mit, dieses Mal darf sie mitreden, dieses Mal halte ich mich raus, dieses Mal ist sie die Bestimmerin.
Auf der Liste standen: Hosen (keine Jeans, davon hat sie genug), warme Stiefel (für den nächsten Winter, die sind ja jetzt so günstig), eine neue Winterjacke (für den nächsten Winter, die sind ja jetzt so günstig), ein paar Pullover (für den nächsten Winter, die sind ja jetzt so günstig), Stirnband (für den nächsten Winter, die sind ja jetzt so günstig), Strumpfhosen (für auch jetzt schon), T-Shirts und was uns sonst noch so über den Weg läuft (für den nächsten Winter, das ist ja jetzt alles so günstig). Ich kam mir sehr großzügig vor, das Kind sah das ebenso und freute sich auf den Einkaufsbummel.
“Mama, kann ich auch einen Rock haben?”
“Ja, klar, wenn wir einen sehen der gefällt und passt und nicht zu teuer ist!”
“Also ich habe da bei Papa einen ganz tollen Rock, den hätte ich auch gerne für zuhause”
“Und wo habt ihr ihn gekauft?”
“Im ECE in so einem Laden”
“Wir sollen extra für den Rock ins ECE fahren? Das ist doch am anderen Ende der Stadt?”
“Da gibt es noch andere Läden! Und der Rock ist soooooooooo schön!” Der Mutterherzschmelzblick wird aufgesetzt. Der zieht blöderweise immer.
Dann also ins ECE. An diesem Wochenende ist ja Herzallerliebster dabei mit Auto und er kann sich dann ins Café setzen und kurz warten, bis wir alles schnell eingekauft haben. In so einem Einkaufszentrum wird man auch nicht nass und die Wege sind kürzer als in der Stadt. Dürfte also alles nicht länger als eine Stunde dauern.
Im Einkaufszentrum angekommen will ich wissen, wo denn der Laden mit dem Rock ist. “Irgendwo da unten” ist die erschöpfende Auskunft. Da ich ein sehr organisierter Mensch bin schlage ich vor, daß wir die Läden auf dem Weg zum Rockladen abklappern um zu gucken, ob wir dort die wirklich benötigten Sachen schon bekommen. Abgelehnt. Erst der Rock. Mutterherzschmelzblick. Wir fahren also mit der Rolltreppe nach unten und suchen den Laden mit dem Rock. Nach 20 Minuten herumirren (wieso haben Einkaufszentren eigentlich mittlerweile soviele Seitenabzweigungen, die immer irgendwo unlogisch enden?) strahlt das Kind “Da ist der Laden! Da ist der Laden!”. Wir stehen vor einem H & M. Jetzt verstehe ich auch, warum wir durch die ganze Stadt gondeln mussten: es gibt nämlich nur einen einzigen H & M in ganz Hamburg. Ich gucke mein Kind streng an. Es kichert mir ein versöhnliches “Whoops!” zu.
Die Suche nach dem Rock beginnt. Besondere Merkmale: kurz und kariert mit “so Falten und so zum Wickeln”. Und finden ihn nicht. Egal welchen Ständer wir durchwühlen – es gibt diesen Rock einfach nicht! Das Kind ist verzweifelt. “Der war doch vor drei Wochen noch da!” Ich versuche ihr zu erklären, daß er wahrscheinlich ausverkauft ist, weil er so schön ist. Die Kindertränen kommen immer höher, je mehr Kleiderstangen wir durchforsten. Aber nichts, kein karierter Rock, keine Falten zum Wickeln.
Sie tut mir leid. Also schlage ich vor, die Liste nach hinten zu schieben und erst einmal zu gucken, ob es irgendwo anders einen Rock gibt, der ihr gefällt. Wir gehen los.
So ein Einkaufszentrum hat wirklich unglaublich viele Läden. Vor allem so kleine. Mit so begrenzter Auswahl. Und so ein Einkaufszentrum hat unglaublich viele Rolltreppen. Und Seitengänge. Wir gehen in jeden einzelnen Laden der aussieht, als wenn man dort einen Rock bekommen könnte. Einen karierten, mit Falten und zum Wickeln. Nirgendwo gibt es so einen Rock. Und die Röcke, die es gibt, gefallen nicht. “Zu lang, zu kurz, zu einfarbig, zu bunt, zu doof, zu spiessig, zu weit, zu eng, zu irgendwas!”.
Eine Stunde später weiss ich über die kommende Rockmode besser Bescheid als Karl Lagerfeld. Zwei Stunden später bin ich müde. Eine halbe Stunde danach bin ich genervt. Nach der dritten Runde finden wir endlich einen Rock in einem Laden, in dem wir bereits zwei Mal waren, den wir aber nicht gesehen haben, weil er zwischen den Hosen hing: er hat die richtige Länge, eine annehmbare Farbe, zwei Falten, passt und ist auch schön heruntergesetzt. Obwohl ich in diesem Augenblick wahrscheinlich auch ein Designerteil für einen dreistelligen Betrag gekauft hätte. Der Rock wird erworben und das Kind ist glücklich. Was will man mehr? Ach so, ja: endlich die notwendigen Sachen besorgen, die auf der Liste stehen! Und Herzallerliebsten endlich im Café auslösen!
“Neiiiiin!!!” wird empört protestiert, “ich habe doch kein passendes Oberteil zu dem Rock! Und keine passende Strumpfhose auch nicht! Sonst kann ich den doch gar nicht anziehen!”. Das sehe ich natürlich ein. Ich bin auch viel zu erschöpft, um zu widersprechen. Also geht es in die vierte Runde. Und weil wir schon dabei sind, das Kind hübsch zu machen, gibt es gleich noch zwei Kleider, bunte Strumpfhosen, ein paar Stulpen, zwei Haarbänder und eine Handtasche. Danach bin ich total fertig und habe keine Lust mehr auf Listen oder Läden. Wir gehen also vollbepackt und mit einem glücklichen Kind zum Auto und freuen uns auf zuhause.
“Mama?”
“Ja?”
“Sag mal, es ist doch noch soooo früh und H&M gibt es doch auch in der Stadt, oder????”
Sprich nicht weiter, Kind! Sprich nicht weiter!!!!!
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