Loslassen

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Das Wochenende stand unter einem guten Stern: Sprotte und ich gehen schwimmen, oder im Niendorfer Gehege reiten, oder bei Planten un Bloomen Schlittschuh laufen oder irgend etwas Schönes. Mutter-Tochter-Wochenende. Wir hatten nicht wirklich viel Zeit füreinander in den letzten Monaten. Der Samstag begann auch richtig schön: die Kleine ist gut gelaunt, wir frühstücken zusammen, machen Pläne, sie macht am Vormittag die Sachen, zu denen sie in der Woche keine Zeit hat, ich wasche, mache Papierkram, alles ist total harmonisch.

Am Nachmittag stellen wir fest, dass sie noch eine Strumpfhose braucht und die Kartoffeln alle sind. Die brauchen wir nämlich für unseren Fernsehabend. (Anm.: fettfreie Kartoffelchips – Kartoffeln schälen, in schmale Scheiben schneiden, auf Backpapier auslegen, Backofen auf 180 Grad heizen und nach ca. 15 – 20 Minuten (je nach Scheibenstärke) herausnehmen und nach Bedarf würzen. Total lecker und fettfrei!).

Was passiert? Wir kommen auf dem Weg zum Supermarkt bei ihrer Freundin Svenja vorbei, die auf dem Klavier am Fenser herumklimpert, uns sieht und winkt. Die Sprotte klingelt und fragt, ob Svenja denn später, nach dem einkaufen, noch zu uns möchte zum spielen oder DSDS gucken oder so. Svenja antwortet: “Wir fahren ins Ariba-Spassbad, willst du mitkommen, ich weiss aber nicht, wann wir losfahren.” – Klar will die Sprotte mit. Die Eltern werden gefragt: und innerhalb von ein paar Minuten ist klar – es gibt eine Alternative:
Svenja kommt zurück und strahlt: “Wir können alleine ins K**-bad gehen, wenn deine Mutter das erlaubt!” *Schluck* – Sprotte: “Darf ich?” – Mutter: “*schluck*” – Sprotte: “Darf ich?” – Mutter “*Schluck* Klar darfst du!”. Klar. Das Kind schwimmt wie ein Fisch mit allen nötigen Abzeichen, das Bad ist gerade mal eine Haltestelle mit der U-bahn und 20 Sekunden Fussweg von dort entfernt und wenn wir schwimmen gehen, sitze ich normalerweise auch nur herum und gucke in mein Buch, weil ich Chlorbäder und meinen Badeanzug hasse. Im Endeffekt habe ich auch kein wirkliches Auge auf sie und meistens eine ihrer Freundinnen dabei. Aber trotzdem. So ganz alleine? Zum ersten Mal? Wenn es gerade dunkel wird? Und überhaupt?

Wir verabreden, dass wir noch einmal klingeln, wenn wir vom Einkaufen zurückkommen und den Rest besprechen. Svenja und Sprotte unisono “Was für einen Rest? Wir sind doch keine Babies!!”. Nö, klar nicht. Deshalb räumen die beiden Nicht-Babies auch freiwillig ihr Zimmer auf und deshalb können sich die beiden Nicht-Babies nicht einmal ein Glas aus dem Schrank holen. Ausser, sie transportieren es verbotenerweise ins Kinderzimmer, um es dort unter das Bett zu schieben und dort zu “vergessen”.

“Soll ich nicht doch mitkommen?” habe ich, mich opfernd, gefragt. “Neiiiin! Auf gar keinen Fall!!!!!” Gut, dann eben nicht.

Dann lasse ich einfach mal los. Geht ja nicht anders. Und das fällt mir sauschwer, ich gebe es zu.

Ich weiss, das Kind kann schwimmen. Ich weiss, das Kind ist wirklich erstaunlich vernünftig. Ich weiss, sie baut keinen Mist. Ich weiss, sie macht genau das, was sie vorher angekündigt hat (”Nö, ich räume heute nicht auf” ist ein gutes Beispiel dafür). Ich weiss, sie ruft mich an, wenn irgend etwas ist. Ich weiss, ich kann mich auf sie verlassen. Ich weiss das alles. Und trotzdem ist mir mulmig zumute. Wie schnell sie mich abserviert hat, als die Alternative von “mit Mama zusammen gemütlich sein” zu “mit Sonja einen drauf machen” sprang.

Verdammt. Ich bin doch eigentlich eine so coole Mutter, dachte ich! Keine Glucke, wie die anderen, die ich ab und an mal belächele. Und jetzt sitze ich da.

Gestern nach träumte ich seltsamerweise von meiner Sprotte. Wir waren irgendwie irgendwo unterwegs. Und plötzlich war sie rosa gekleidet und ging mir gerade bis zu den Knien. Ich habe im Traum sogar ausprobiert, ob es ein Traum oder Realität ist. Ich musste mich, wie damals, als sie anfing zu laufen, total verrenken, um ihr meinen Zeigefinger als Halt zu geben.

Ich glaube zwar nicht, dass dieser Traum etwas mit der heutigen Erkenntnis zu tun hat (ich hatte mir vor dem schlafengehen noch ein Chili warmgemacht und es auch aufgegessen und bin momentan sowieso etwas mehr als nervös) – aber jetzt finde ich es passend: ich bin eine Gluckenmutter. Und ich finde das schrecklich! Erstens, weil es mich wirklich beunruhigt, sie alleine draussen in der grossen weiten Welt zu wissen und zweitens, weil es mich wirklich beunruhigt, sie alleine draussen in der grossen weiten Welt zu wissen. In dem Bereich der Welt, in dem ich sie nicht beschützen und bis zu einem gewissen Grad auch nicht kontrollieren kann.

Ich werde jetzt Wäsche aufhängen, Kartoffeln für die fettfreien Chips schälen, ein Hühnerei legen und brüten. Und mir verkneifen, “spontan” im Schwimmbad aufzutauchen, weil ich gerade “so viel Lust” darauf habe.

7 Comments »

7 Responses to “Loslassen”

  1. on 13 Jan 2007 at 4:58 PM stard

    haben sie keine gute bekannte die zufällig gerade heute ins schwimmbad will? und wenn die eh schon mal da ist kann die ja nach der kleinen gucken ^^

  2. on 13 Jan 2007 at 5:14 PM zoee

    @herr stard: :) :)

  3. on 15 Jan 2007 at 1:05 AM orangeguru

    … Mutter sein dagegen sehr … oder ist es einfach nur Alterssenilität?

  4. on 15 Jan 2007 at 7:05 AM Daki

    Eine Glucke bist Du noch lange nicht Frau Sprottenmutter. Es ist klar, dass Du Dir Gedanken machst, gibt ja genügend ‘Stoff’ in den Nachrichten, der Verunsichert. Du hast schon eine klasse Sprotte und sie eine klasse Mutter. Du brauchst also keine Eier mehr legen,,,,, obwohl, das wäre eine richtige Revolution *lach*
    Besos y abrazos

  5. on 15 Jan 2007 at 7:34 AM zoee

    “sie werden halt so schnell gross”. ich hätte mich früher übergeben können, wenn das mit mutterschmalz vorgetragen wurde. aber – es stimmt! ;)

  6. on 15 Jan 2007 at 8:18 AM fischer

    punk goes mutti… tja, vermutlich die normale entwicklung einer liebenden mutter. würden sich alle mütter (und väter) solche – verständlichen – sorgen um ihre kinder machen, sähe die welt wohl ewas anders aus. oder kümmert es mama und papa wenn sohnemann den ganzen tag bei saturn rumhängt und da playstation spielt, bevor er im döner-laden zu abend isst und sich dann – so gegen 22 uhr – vor die kiste legt und tv schaut….

    du machst das schon richtig, zoeeeee!

  7. on 29 Jan 2007 at 10:30 AM 247maniac

    warts ab bis sie groß wird… aber naja so wie sie rüberkommt is sie wohl schon a bisle erwachsen. lass ihr ihre freiheit (und wirf ab und an ein waches auge auf sie). Ich denke das ihr nichts passieren wird bei einer solch aufgeschlossenen mutter.
    PS: Glucke bist du noch lange nicht- lerne mal meine Mutter kennen… die legt wirklich Eier xD

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