Kurze Wege
Posted by zoee on 30 Jun 2007 | Tagged as: zoee

Wir erledigen seit einigen Wochen alle Wege mit dem Fahrrad. Das heisst, Frau Sprotte fährt mit dem Fahrrad zur Schule, ich bis zur Umsteighaltestelle, zum Einkaufen, zum Sport – egal wohin, wir fahren mit dem Fahrrad. Das hat ein paar positive Nebeneffekte: betätigt man sich bereits morgens körperlich, ist man sehr viel wacher, wenn man an seinem Ziel ankommt, als wenn man sich in einen Bus oder eine Bahn setzt, die einen sowieso nur langweilt und anwidert. Man wird muskulöser, verliert an Gewicht und -der schönste Nebeneffekt- man bekommt den Kopf schön durchgepustet, denn man ist alleine, ärgert sich nicht über störende Nebensitzer, Zeitungsmitleser oder gewöhnungsbedürftige Gerüche. Und man wird durch das Kopfdurchpusten auch kreativ. Es ist unglaublich, wieviele Dinge man gedanklich erledigt bekommt, wenn man sich nicht über seine Mitfahrer in öffentlichen Verkehrsmitteln ärgert. Und man spart Zeit! Das hätte ich nie für möglich gehalten, aber so ist es!
Leider hat die Kreativität auch einen Nachteil, jedenfalls bei mir: ich bin Abkürzungskreativlerin geworden. Fanatische! Ich bin der Meinung, daß alle Wege, die ich bereits dutzendfach abgefahren habe, oder von denen ich so ungefähr weiss, wie sie sind, auch in kürzerer Zeit zu schaffen sind.
Ein Beispiel? Gerne. Heute z.B. wollten wir zu Karstadt in die Innenstadt. Denn dort -und nur dort- gibt es diese bunten Baumwollbustiers, die Frau Sprotte unbedingt braucht, weil alle anderen Mädchen in ihrer Klasse diese auch haben. Die schlichten weissen von C&A, die wir vor ein paar Tagen besorgt haben, gehen leider nicht. Frau Sprotte ist nämlich auch kreativ und wollte diese mit T-Shirt-Farben entsprechend gestalten. Leider ging das ihrer Meinung nach etwas bis ziemlich daneben.
Ich kann mein Kind ja nicht leiden sehen (und ich muss mir das dringend abgewöhnen, weil sie immer grösser und teurer wird!), also haben wir uns am späten Vormittag auf die Fahrräder gesetzt und wollten in die Stadt fahren.
Der Weg dorthin ist sehr einfach: gerade aus, dann rechts, dann geradeaus bis zum Leinpfad, dann wieder geradeaus bis zur Aussenalster und dann einfach am Wasser entlang. Dann kommt man unweigerlich zum Rathausmarkt. Fährt man -von hier aus gesehen- links um die Alster muss man einen grossen Bogen machen, dafür muss man nicht mehr -wenn man rechts um die Alster fährt- über den Jungfernstieg. Der Bogen ist aber ein recht grosser, also dachte ich mir, man könnte diesen umgehen, indem man abkürzt. Und da muss ich nicht ganz bei mir gewesen sein, denn einen grossen Bogen an einem Wasser kann man nicht abkürzen – es sei denn, man fährt über’s Wasser. Und das kann sogar ich nicht.
Trotzdem war ich der Meinung, das geht kürzer. Also einfach mal abbiegen, dann noch einmal abbiegen und dann die Schräge geradeaus Richtung Innenstadt nehmen. Man fährt dann zwar ein bisschen weg vom Wasser, hat allerdings dann einen anderen Winkel, der einen schneller zum Ziel führen müsste. Selbstverständlich habe ich solche Ideen ohne vorheriger Internetrecherche, ohne Stadtplan und sowieso ohne Plan. Das ist einfach ganz spontan!
Wir haben den Stadtteil Harvestehude kennengelernt, am Mühlenkamp gibt es heute ein Strassenfest, das Radisson ist kein wirklich gutes Hochhauszeichen, wenn man da nicht wirklich hinwill, der Fernsehturm hat nichts mit dem Jungfernstieg zu tun (ich habe da kurzfristig meinen Arbeitsplatz und eine Veranstaltung durcheinander gebracht) und es gibt ja so viele hübsche Häuser und entzückende Fleete in den Nebenstrassen von Hamburg! Gut, dass ich meiner Tochter auch mal eine andere Seite von Hamburg zeigen konnte!
Nach knapp zwei Stunden waren wir dann am Ziel, haben die Unterwäsche gekauft, das Stuttgarter Weindorf kurz besucht, einen Regenschauer abgewartet und uns dann wieder auf den Heimweg gemacht. Der Weg war ja bekannt.
Fast. Denn mir fiel eine andere Abkürzung ein: nicht am windigen Wasser entlang, sondern so ein bisschen durch die Stadt sollte es jetzt sein.
Nun, ich kürze ab: ich werde mir einen Stadtplan kaufen, denn der Lehmweg ist nicht mehr da, wo er sein sollte. Der ist auf einmal woanders! Ich werde auch an mir arbeiten und meine Fahrradkreativität etwas zügeln. Immerhin sind wir heute knapp 3 Stunden beintechnisch unterwegs gewesen, das ist doch auch schon was, wenn man die Strecke auch in circa 1,5 Stunden erledigen kann. Im Übertreiben bin ich nämlich auch nicht schlecht.
P.S.: Frau Sprotte geht mir auf die Nerven. Sie lacht sich die ganze Zeit tot (”Höhöhö, weisst du noch was auf diesem Schild vor dem Handyladen stand ‘Die Abkürzung für Clevere’, hahahahha! Das war SO klasse! Hehehehehehhe!!!” – und das im nervigen Wiederholungsmodus!) und deshalb musste ich sie leider sehr boshaft an eine kleine Anekdote erinnern, die sie mir selbst erzählt hat: erst letzte Woche wollte sie auf dem Weg zur Schule eine Abkürzung durch den Eppendorfer Park nehmen. Das Ende vom Lied: sie kam am Gesäss der Welt aus dem Park heraus und 10 Minuten zu spät zur Schule. Die soll mal ganz ruhig sein!








