
Ist hier noch frei?” Ich sitze in einem Strassencafè in der Schanze und genehmige mir eine kleine Auszeit. Kaffee trinken, eine dumme Zeitung lesen, ein bisschen Strassenluft schnuppern, herumgucken – ich mag das, das aktive Nichtstun.
“Klar”, antworte ich, ohne aufzusehen. In Hamburg kann man durchaus Cafétische teilen, ohne sofort in eine WG-Hektik zu verfallen. In dieser Stadt habe ich den Satz “Ist hier noch frei” auch noch nie als Anmache empfunden oder erlebt. Hamburger sind nämlich total coole Säue und lassen sich durch nichts irritieren und sie spannen auch nicht.
Leider bin ich in München aufgewachsen. Da sieht der Hang zum Voyeurismus schon etwas anders aus.
Ich gucke also angestrengt unauffällig über meine Zeitschrift, als sie sich setzen: sie ist etwas zu schick angezogen für dieses Lokal und diese Tageszeit und auch etwas zu pummelig für ihr enges Kostüm. Ihre Strapse gucken etwas unter dem zu kurzen Rock hervor als sie sich setzt und auch ihre Schuhe passen nicht so sehr in die Stadt. Man sieht, sie ist zu Besuch.
Er hingegen ist zu gewollt kühl angezogen für sein Alter. Seine braunen Designercordhosen sind aufwendig verkrumpelt, sein braunes Retter-T-Shirt hängt zu locker in der Cordhose und über dem geflochtenem schwarzen Gürtel und er trägt FlipFlops. Und irgendwas an seinem Gesicht stimmt nicht. Man sieht, er hat Besuch.
Ein sehr seltsames Paar. Ein sehr interessantes Paar.
Ich starre angestrengt in meine Zeitschrift.
Sie starren angestrengt in die Karte.
“Na?” sagt er, “weisst du, was du willst?”
“Ach”, sagt sie, “ich weiss es nicht so genau. Was nimmst du denn?”
* Dialogkürzung: sie nimmt natürlich einen Salat und er die Calamari. Natürlich!
“Und was möchtest du trinken?” fragt die Designercordhose
“Hmmm…”, überlegt der Straps, “was nimmst du denn?”
“Ich nehme einen Pinot Grigio, ich hoffe, die haben einen guten Offenen hier.”
“Ah, ich liebe Rotwein, den nehme ich auch!”, strahlt der Straps.
* Dialogkürzung: die Bestellung wird aufgenommen und Frau Straps trinkt auch einen offenen Weissen.
Nach der Bestellung wird es richtig interessant.
“Tja!” sagt er und lächelt. Irgendwas an seinem Gesicht stimmt immer noch nicht.
“Tja!” lächelt sie zurück. Irgendwas an ihr stimmt sowieso nicht.
“Naja, wer hätte das gedacht?” lacht er.
“Stimmt, wir beide … hier so ..” lacht sie zurück und tut so, als wenn sie an ihren Locken zupfen würde. Das Haarspray macht eine natürliche Zupfgeste unmöglich.
“Hättest du das gedacht?” fragt sie und legt den Kopf auf die Seite.
Ich bin immer noch fasziniert von den Strapsen am Nachmittag und glotze ihr nur auf die Beine.
“Haha” lacht er angespannt, “nö, so hatte ich mir das auch nicht vorgestellt!” An seinem Gesicht stimmt immer noch etwas nicht.
“Naja, aber hier sind wir nun mal”, sie lacht laut, als wenn sie einen guten Witz gemacht hätte.
Er lacht mit, der Witz muss echt gut gewesen sein.
Beide schweigen und ich gucke und höre immer noch.
Sie zupft verlegen an ihren sichtbaren Strapsen; unter dem Tisch hat er die FlipFlops ausgezogen und guckt angestrengt in die Ferne.
Und das Essen kommt und kommt nicht.
“Tja …” sagt er.
“Tja …” sagt sie.
“Tja …” sagt er.
“Tja …” sagt sie.
Und plötzlich gucken mich beide an. Starren mich an. Starren und starren.
Ich verstehe, zahle und gehe.
Die beiden haben echt eine Schangse!
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