
Heute abend war es wieder soweit. Er spürte es! Den ganzen Tag hatte er aufregende Dinge erlebt, interessante Menschen getroffen, tiefe Gespräche geführt und neue Eindrücke aufgesaugt. Das Leben war wundervoll und ereignisreich, er war damit zufrieden, mehr als zufrieden – er war glücklich!
Aber es gab eben Tage, da war auch sein Füllhorn am Überlaufen und er brauchte dann ein Ventil, irgend jemand oder etwas, dem er sich mitteilen konnte. Der sein Erlebtes positiv reflektieren, aber auch mit sanfter Kritik nicht sparen würde. Er lebte seit einigen Jahren alleine. Nicht, weil er sich das so ausgesucht hatte – na ja, eigentlich hatte er es sich genau so ausgesucht. Sie wollte nicht, wie er wollte, ein Jahr ergab das andere, irgendwann ergaben sich keine Worte mehr und so beschloss man, sich im Bösen zu trennen, ohne das Gute aus den Augen zu verlieren. Aber so ist eben das Leben: wie eine Pralinenschachtel – man weiss nie, was man kriegt. Er musste immer lächeln, wenn er an dieses Filmzitat dachte. Er liebte diesen Film, denn er konnte sich nur allzu gut mit dem Hauptdarsteller Forrest identifizieren. Sie waren schliesslich beide hochintelligent, beide unverstanden, beide mit aussergewöhnlichen Talenten gesegnet und beide im Grunde ihres Herzens einsam, aber stark.
Heute allerdings, heute wollte er sich endlich mal wieder um sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle, Empfindungen und Emotionen kümmern. Es sollte einfach heute abend nur um ihn gehen und sonst um niemanden!
Er schlüpfte in bequemere Sachen, dimmte das Licht, zog die Gardinen zu, zündete einige Kerzen an, legte sanften Jazz auf und sah sich zufrieden um. Ja, das war genau das richtige Ambiente! Er rückte seinen Notizblock und seinen Bleistift zurecht und fuhr seinen Computer hoch. Dann schenkte er sich genüsslich Rotwein in ein grosses bauchiges Glas ein und setzte sich an den Wohnzimmertisch.
Es fiel ihm nicht schwer, sich zu konzentrieren. Er schrieb, wie immer, einfach ins Unreine darauf los. Seine Lesebrille hatte er mittlerweile in die Stirn geschoben um nichts zwischen sich und das handgeschriebene Wort kommen zu lassen. So war das einfach viel authentischer und natürlicher. Ab und an überlegte er kurz, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kratzte sich mit dem Bleistift grüblerisch hinter dem Ohr und nahm geniesserisch einen Schluck seines Rotweines. Er liebte das Gefühl der Minenspitze auf seiner Haut. Am Anfang noch spitz und unsolidarisch, geradezu kratzbürstig, wurde sie im Laufe der Buchstaben immer weicher, runder und anschmiegsamer. Er war eben noch ein Schreiber der alten Garde und mochte ungerne am Computer tippen, das war ihm viel zu unpersönlich. Aber es war ihm schon klar, daß er mit den Zeiten der elektronischen Datenverbreitung gehen musste.
Endlich war er mit der Vorabschrift fertig. Jetzt kam der eher ungemütliche Teil: er musste alles fein säuberlich abtippen. Das Tippen war nicht das Problem, das Problem war, dass er während des Abschreibens immer wieder neue kreative Schübe bekam. Der eine Satz gefiel ihm nicht, das andere Wort musste ersetzt werden. Er war erst dann zufrieden, wenn alles homogen, rund, schlüssig und flüssig –also perfekt- war.
Heute war wieder einer der Abende, wo ihm eine bestimmte von ihm vorformulierte Zustandsbeschreibung nicht gefiel. Sie war zu unausgereift, zu kindisch, zu vulgär – sie passte einfach nicht zu dem ansonsten recht gefühlvollen Text.
Er lehnte sich wieder zurück in seinen Stuhl, kratzte sich anregend mit der runden Mine hinter dem Ohr und dachte nach. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht! Ihm war etwas eingefallen, ohne das Reimlexikon oder den Duden zu Rate ziehen zu müssen. Ihm ganz alleine! Aufgeregt rutschte er die Brille auf die Nasenspitze, klemmte sich den Bleistift hinter das Ohr und tippte:
„V E R F I C K T E S C H E I S S E!“
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[Bild U. Herbert via Pixelio]
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