Dero Wurstigkeit

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Jeden Dienstag geht Frau Sprotte zum DLRG, um irgendwann die Welt vor dem Ertrinken retten zu können. Das Bad ist in St. Pauli, es ist früh dunkel, also fahre ich mit, gebe sie am Schwimmbad ab und mache meinen wöchentlichen Zwangsbummel über die Hinterstrassen des Kiez. Ist aber nicht weiter schlimm, ich habe hier mal gelebt und interessiere mich sehr dafür, was sich in meinem alten Viertel alles so getan und nichtgetan hat. Das ist Gottseidank und Ungottseidank eine ganze Menge. Ich langweile mich also die zwei Stunden nicht.

Heute hatte ich Hunger, wollte aber nur eine Kleinigkeit. Ich kam an einem kleinen Imbiss vorbei. “Selampalukka”-Grill, oder so. Ich gucke auf das Schild: “Bratwurst € 1,60″. Ja, das geht. Eine Wurst geht immer und € 1,60 geht ebenfalls gerade noch.

Herr Selampalukka begrüsst mich sehr herzlich – ich bin der einzige Gast. Ich bestelle meine Bratwurst, Herr Selampalukka geht, holt eine jungfräuliche Wurst und legt sie liebevoll auf den Grill. Nach einer Weile fragt er mich: “Hier essen oder mitnehmen?” – “Mitnehmen aber gleich essen, bitte.” Ein sehr höflicher Mann ist er, das ist mir gleich aufgefallen!

Herr Selampalukka wendet die Wurst und fragt ganz nebenbei, so über die Schulter: “Soll ich die Wurst in Scheiben schneiden?” Er lächelt mich dabei an und legt mir anschliessend eine Serviette nebst Piekser auf den Tresen. Ich bin begeistert! Ein Mann der mitdenkt! “Oh ja, gerne!”, bejahe ich erfreut. Herr Selampalukka nimmt die Wurst vom Grill, legt sie auf eine heisse Platte und schneidet sie in Scheiben. Liebevoll wendet er Scheibchen um Scheibchen von Zeit zu Zeit, damit sie ja auch gleichmässig gar werden.

“Möchten Sie die Wurst auch ein bisschen gewürzt? Vielleicht scharf?” Ich schmelze dahin! Wie freundlich ist das denn? Und das nur, weil ich die einzige Kundin bin? Mancheiner wäre genervt, für lumpige € 1,60 so einen Aufwand zu betreiben, aber Herr Selampalukka ist nett! Der versteht sein Geschäft!

Er bestreut die Wurstscheiben zärtlich mit Paprikapulver, lächelt mich noch einmal an: “Und? Vielleicht noch ein wenig Curry?”
Ab jetzt bin ich in ihn verliebt! Servicewüste Deutschland? Nicht in St. Pauli! Nicht bei Herrn Selampalukka! Ich entwerfe im Kopf schon mal ein entsprechendes Lobesschreiben an den deutschen Gaststättenverband und von der inneren Wärme, die mich durchflutet, bin ich eigentlich schon satt. Aber ich möchte Herrn Selampalukka nicht enttäuschen. Selbstverständlich werde ich diese Wüstenwurst andächtig verzehren!

Ich zähle € 1,60 passend auf den Tresen und warte auf die Wurst, die mir jetzt liebevoll gewürzt auf einem Papptellerchen in den Händen von Herrn Selampalukka das Signal gibt: “Iss mich!”.
Plötzlich öffnet Herr Selampalukka einen Wärmebehälter und häuft eine rote Sosse auf die Wurstscheiben. Oh-mein-GOTT! War das gerade ein Orgasmus???

Er stellt den Pappteller mit den sorgsam gewürzten und beträufelten Edelscheiben auf den Tresen, lächelt mich an und sagt: “Zweiachtzig bitte!”

Ich lächele ihn immer noch wüst verliebt an und frage etwas verwirrt: “Wieso denn € 2,80? Ich wollte doch nur eine Bratwurst für € 1,60?”

“Das ist aber eine Currywurst!”

P.S.: Ich weiss ja nicht, was er sich gedacht hat, als ich laut losgelacht habe – aber ich hoffe, er freut sich über das Trinkgeld, das ich dagelassen habe. Herr Selampalukka war und ist jeden Cent wert!

P.P.S.: Nächsten Dienstag werde ich mir einen halve Hahn bestellen! Wir beide sind noch nicht fertig! Wurst wider Wurst!

[Bildquelle]

15 Comments »

15 Responses to “Dero Wurstigkeit”

  1. on 08 Jan 2008 at 8:25 PM Ronnie

    Gibt es doch noch sowas, wie Liebe auf der ersten Wurst?

  2. on 08 Jan 2008 at 8:29 PM zoee

    es gibt keine liebe, ronnie, es gibt keine liebe …

  3. on 08 Jan 2008 at 8:42 PM MC Winkel

    AUFPASSEN, Frau Zoee:
    Er wird Ihnen ein Sesambrötchen, ein paar frittierte Kartoffelsticks und eine koffeinhaltige Limonade anbieten, um das Ganze dann als “Selampalukka Mega-Halvhahn Menü” für 10,70€ unterzumogeln!

    Und natürlich gibt es Liebe. Die Liebe dissen, ich fass’ es nicht!

  4. on 08 Jan 2008 at 10:04 PM zoee

    ich bevorzuge die “liebe auf den ersten blinddarmreiz”. da treiben sich die meisten eingebildeten insekten herum.

    und so ist das eben mit der liebe auch: man muss sie erleben und nicht beschreiben!:)

    und ich passe auf: ich lasse mir bei mcdonalds keinen burger als menü aufschwatzen!

  5. on 08 Jan 2008 at 11:01 PM pulsiv

    sie wieder mit ihrer gutmut. ;)

  6. on 09 Jan 2008 at 7:40 AM zoee

    ja, ich bin manchmal von mir selbst so gerührt, dass ich mir im spiegel selbst beim weinen zugucke! :D

  7. on 09 Jan 2008 at 4:09 PM truetigger

    “Wenn ich es mir genau überlege, ich möchte doch kein Cürri auf meiner Wurst.” – und einzeln die sorgsam geschnittenen Wurstscheiben putzen lassen. “Sie haben jetzt aber den Pfeffer vergessen, Herr Selampalukka.” – pfeffern lassen – “… obwohl, eigentlich hat mir die Wurst ohne Pfeffer besser gefallen. Haben Sie vielleicht eine Serviette mit Blumenmuster? Nein, doch nicht in diesem rötlichen Farbton, das beisst sich mit dem blaugrau des Kiez.”

    Und, at least: “Bitte lächeln, Sie sind heute der Star in meinem Blog.”

    Hach, warum ist die Service-Welt hier in Graz net so schön? Hier wird UNGEFRAGT ein Glas Wasser zum Kaffee gereicht, als ob _jeder_ Gast das so will! Aber solang ich weiss, dass es auch Ecken gibt, die Service noch leben in dieser ach so deprimierenden Welt, solang gibt es Hoffnung.

    Selampalukka for president!

  8. on 09 Jan 2008 at 5:14 PM zoee

    @tigger: ich sehe schon, ich muss dich das nächste mal mitnehmen.

    also: treffpunkt kommenden dienstag, 18 h, u-bahn st. pauli, ausgang nord. komm alleine. bring keine eventuellen verratsspuren wie pandas, dialekte oder lange haare mit. gerne aber eine schiffsbruchverursacherin. allerdings ebenfalls unauffällig.

    im gegenzug werde ich mich um das ungebetene glas wasser in österreich kümmern. in nicht nummerierter reihenfolge!

    konspirative grüsse aus … pssst … lass uns mailen! das ist sicherer!

  9. on 09 Jan 2008 at 6:27 PM der grosse transzendentale steini

    Ich glaube, du hast dich verlesen, Zoee. Der Mann heißt Selampalukkalos und ist Grieche. Nur Griechen können so hinterfotzig sein! Hatte er vielleicht auch goldene Wimpel an seiner Bratbude?

  10. on 09 Jan 2008 at 6:53 PM zoee

    @steini: nein, goldene wimpel hätten mich stutzig gemacht.
    er hatte diese industriewurstbilder an der tür kleben und eine lieferspeisekarte, die von neapel nach athen über neu delhi bis nach paris führte. und zu coca cola.

    im übrigen ist keine nation hinterfotzig, die knoblauch liebt.

  11. on 10 Jan 2008 at 11:06 AM deeli

    dann bin ich ja gespannt, was du das nächste mal bekommst. hier in köln gibt es beim halven hahn ja ein roggenbrötchen mit altem holländer.

  12. on 10 Jan 2008 at 11:12 AM zoee

    @deeli: ich weiss. darauf bin ich auch schon reingefallen, als ich mal in köln war. ich habe ziemlich blöd geguckt, als anstatt dem halben hähnchen (und es war so günstig!) ein halbes käsebrötchen auf den tisch kam! :D

  13. on 10 Jan 2008 at 11:53 AM der grosse transzendentale steini

    Na, wirste aber staunen, was du vorgesetzt bekommst, wenn du in Düsseldorf “Panhas” (Pfannenhase) bestellst…

  14. on 10 Jan 2008 at 12:02 PM zoee

    ihgitt! ich hab`s gegoogelt!!!

  15. on 11 Jan 2008 at 10:20 AM der grosse transzendentale steini

    Du wirst es nicht glauben, aber das ist echt superlecker. Ihr Spanier kloppt euch doch auch alles rein, was Beine hat, außer Tischen und Stühlen.

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