Der dumme Vogel Jugend

blodervogeljugend

Sonntag abend: meine Jugendliche kommt aus dem Schwimmbad nach Hause und wirft ihre Badetasche einfach in den Flur. Meine Aufforderung, diese doch bitte auszupacken weil wegen Müffel und Schimmel und so, wird mit einem augenverdrehten „Mann, sei doch nicht so mütterlich!“ quittiert. Auch gut. Dann verschimmelt das Zeug eben. Ich habe sowieso beschlossen, mich über so etwas nicht mehr zu ärgern und es sie selbst ausbaden zu lassen. Bis ich es nicht mehr aushalte.
Es gibt ja auch viel Lustigeres zu berichten: Freundin F., die ebenfalls mit dabei war, hat ihren Spindschlüssel verloren. Einfach so! Erst war er noch da, dann war er plötzlich weg und dann sagte die Kassiererin und dann sagte sie und dann sagte Freundin F. und dann kam die Oma von Freundin F. und Hundert Euro und Hahahaha, so etwas könnte ihr ja nie passieren! Hahahaha, sie passt doch auf ihr Zeug auf! Wir lachen herzlich und beschliessen, dass Freundin F. ein kleiner Schussel ist und dass ihr, der Jugendlichen, das Hahahaha nie passieren könnte!

Heute morgen: ich komme aus der Dusche und suche den Föhn. Der liegt nämlich nicht im Bad. Ach ja, sie war ja gestern schwimmen, dann ist er noch in der Badetasche. Ich gehe in den Flur öffne sie und wühle in dem Müffel herum. Aber es ist mir ja egal. Es ist alles da: Badetuch, Badeanzug, Schwimmbrille, Shampoo, Spülung etc. etc. Nur kein Föhn. Ich freue mich kurz, denn das bedeutet, das Kind hat folgerichtig gedacht: Föhn = Strom = nicht nass werden = auspacken! Ich bin stolz! Trotzdem ist er nicht im Bad. Ich rufe also:

„Sag’ mal, wo ist der Föhn?“
„Weiss ich nicht!“
„Wieso? Du hast ihn doch gestern mitgenommen?“
„Dann ist er noch in der Badetasche!“
„Nein, ist er nicht!“
„Doch, ist er!“
„Nein, ist er nicht!“
„Doch, da muss er aber sein!“
„Ist er aber nicht!“
„Dann hast du ihn da herausgenommen!“
„Nein, habe ich nicht!“
„Musst du aber!“
„Nein, habe ich aber nicht!“
„Musst du aber, wenn er da nicht drin ist!“

Ich werde ungeduldig.

„Jetzt komm’ her und guck’ selbst nach!“.

Sie schlurft unlustig heran, guckt in die Tasche und zuckt mit den Achseln:

„Dann weiss ich es auch nicht. Ich habe ihn da gestern hineingetan.“
„Ja, aber wenn er nicht da ist?“
„Jahaaa, aber ich habe ja trockene Haare gehabt, weil du mir das ja immer sagst, dass ich nicht mit nassen Haaren Fahrrad fahren soll! Also habe ich ihn ja in der Hand gehabt!“
„Und dann hast du ihn im Schwimmbad vergessen, richtig?“
„Habe ich überhaupt nicht!“
„Und wo ist er dann?“
„Ja, dann frag’ doch Herrn D.! Der hat gesehen, wie ich mir die Haare geföhnt habe, wenn du mir nicht glaubst!“

Ich bin verwirrt.

„Wieso soll ich deinen Deutschlehrer fragen?“
Sie rollt ihren routinierten Mannduweisstauchgarnichtsaugapfel: „Weil er mich gesehen hat, als ich mich geföhnt habe! Der war gestern auch da!“

„Egal, der Föhn ist nicht da, also hast du ihn im Schwimmbad vergessen!“
„Habe ich gar nicht!“
„Aber er ist nicht da!!!!!“
„Ja, Mann, dann war das eben keine Absicht! Was willst du eigentlich von mir?“

Ich will mir lediglich die Haare föhnen. Hatte ich das nicht gesagt? Ich bin kurz sprachlos und tropfe irritiert vor mich hin. In 15 Minuten müssen wir los.

„Ich will gar nichts von dir, ich wollte nur den Föhn! Und den hast du anscheinend im Schwimmbad vergessen!“
„Das ist wieder so typisch, Mama, echt, so typisch! Schon am frühen Morgen meckerst du herum. Du suchst doch geradezu danach!“
„Wie bitte?“
„Ja, ist doch wahr. Wenn du keinen Grund hast, dich aufzuregen, dann suchst du einfach einen! Und klar findest du dann einen. Du findest ja immer einen!“
„Hallo? Wer muss jetzt mit nassen Haaren rausgehen und sieht wie ein Idiot aus?“
Sie guckt mich mit einem ganz bestimmten Blick an und ich weiss genau, was sie gerade denkt. Und sie weiss genau, dass ich genau weiss, was sie genau denkt.

Und dann kommt natürlich Plan B.
Tränenerstickte Jugendstimme: „Ist ja klar, ich bin ja hier immer schuld. Immer! Wenn irgend etwas fehlt oder kaputt ist, wer war es? Klar, ich natürlich! Ich bin es ja immer und du bist es ja nie!“

Was genau habe ich jetzt gerade verpasst? Sie lässt den dämlichen Föhn liegen und ich bin daran schuld? Ich werde den ganzen Tag wie Karl Arsch herumlaufen müssen und ich bin daran schuld? Ich muss mit nassen Haaren im Winter auf die Strasse und ich bin daran schuld? Ich habe heute Termine und keine Ahnung, wie ich meinen Kopf bis dahin einigermassen ansprechend hinbekommen soll und ich bin daran schuld? Mein Kind wird irreparable Schäden durch mein heutiges mütterliches und überhauptiges Verhalten davontragen und ich bin daran schuld?

Während ich noch versuche ihr zu erklären, dass an ihrer Logik etwas nicht stimmen kann, dreht sie ihren Kopf gepeinigt in Richtung Wohnzimmer und starrt aus tränenverhangenen, bambiesken Augen das Fenster dort an. Ihre Tränenvorhänge versiegen sofort, ihr Blick wird wacher. Irgendwo in diesem Fenster muss anscheinend ein Lichtlein sein.

Ich bin misstrauisch, folge ihrem Blick und starre ebenfalls das Fenster an um herauszufinden, was an diesem so tröstlich ist. Und dann sehe ich, was hinter diesem Fenster vor sich geht: es giesst wie aus Eimern.
Sie holt tief Frechheitluft und ich denke noch: „Sage es nicht, sage es bloss nicht!!“

Aber natürlich kann sie nicht anders: „Als wenn das überhaupt auffallen würde. Es regnet doch, da siehst du doch sowieso immer aus wie …“

Nachtrag 1: Habe mir gestern nachmittag einen neuen Föhn gekauft.

Nachtrag 2: Heute morgen rief das Schwimmbad zurück. Sie haben den Föhn gefunden, er kann im Fundbüro abgeholt werden. Man kann sich nicht einmal mehr auf die Unehrlichkeit der Menschen verlassen. Jetzt kann ich den anderen wieder zurücktragen.

20 Comments »

20 Responses to “Der dumme Vogel Jugend”

  1. on 23 Feb 2009 at 10:45 PM st.

    Karl Arsch sieht sehr entzueckend aus, finde ich! und wenn madame sprotte mal alt ist, nehm ich ihr auch mal den foehn weg, um dich zu raechen. versprochen!

  2. on 23 Feb 2009 at 10:45 PM st.

    hier, ich merk grad: das wird voll cool. wir werden die omi-gang, die den jungen dingern die foehns klaut. was meinste?

  3. on 23 Feb 2009 at 11:39 PM Aquii

    Garstig, die Teenager schon am fruehen Morgen mit sowas nieder zu machen, bei so einem daemlichen Ding wie einem Foehn. Schaem dich ;)

  4. on 24 Feb 2009 at 8:32 AM duftbaeumchen

    Finde ich auch.
    Zwei Tips vom Hausmännel:

    1. Vor Arbeitsbeginn alle benötigten Werkzeuge und Hilfsstoffe sichten, bereitlegen und auf Funktion überprüfen.

    2. Dass es auch ohne Fön geht, erfahre ich seit Jahren am eigenen Kopfe.

    3. Setzen Sie Ihre große Brille auf. Die lenkt vom Rest ab.

    4. Den Verfasser der vorstehenden Tips nicht verprügeln!

    5. Ob des ernsten Hintergrundes Ihres Beitrages habe ich trotzdem Mitleid mit Ihnen.

    @Aquii
    6. “Wegen” verlangt den Genitiv!

  5. on 24 Feb 2009 at 9:32 AM MissAnni

    Guten Morgen werte frau z.,
    was bin ich froh, Jungs zu haben, die nie ihre Haare föhnen bzw. föhnten… Endlich ein Vorteil! ;-)

    Liebe Schneegrüße in den hohen Norden!

    PS: Durch tägliches Schneeschippen und dramatische Niederschläge sehe ich dieser Tage ständig aus wie Karl Arsch… Menno!

  6. on 24 Feb 2009 at 9:45 AM bellablog

    ein heißer (hahaha!) tip von omabella: den blöden biestern von heute klaut man das GLÄTTEISEN, wenn man sich korrekt rächen will.
    wie jetzt, sie hat noch keins? kauf es ihr, mach sie abhängig und dann kommt deine große stunde. ohne glätteisen geht doch nichts mehr. nichts!

  7. on 24 Feb 2009 at 9:56 AM duftbaeumchen

    Das will die “kleine” doch nur. Ein Glätteisen.

    (Die hat den Föhn nur versteckt. Sobald das Eisen da ist, taucht auch der Haarverwedler wieder auf.)

  8. on 24 Feb 2009 at 10:50 AM bellablog

    optional könnte man das glätteisen natürlich auch zerstören. natürlich VOR ihren augen. *häßlichlach*

  9. on 24 Feb 2009 at 11:41 AM Herr Schmidt

    Was hat denn der Deutschlehrer in der Damenumkleide verloren?!?

  10. on 24 Feb 2009 at 1:50 PM kleiner.mops

    Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Schmidt, dass ich diese Frage nicht stellen mußte. Wirklich.

  11. on 24 Feb 2009 at 4:42 PM truetigger

    Auf das Hamburger Wetter ist doch Verlass – da stellt sich die Frage, warum Du dem armen Kind immer eintrichterst, net mit nassen Haaren Fahrrad zu fahren, wenn bei euch sowieso immer grausliges Wetter ist :) Da wär doch ein Mützchen viel schlauer. Ein wasserabweisendes.

  12. on 24 Feb 2009 at 5:16 PM zoee

    @herr schmidt und kleiner mops: das mit dem deutschlehrer ist leicht zu erklären: der föhn- und spiegelbereich ist vor den umkleidekabinen.

    @truetigger: bei regen nasse haare zu bekommen ist die eine sache, mit nassen haaren in den regen zu gehen ist eine andere. dann kühlt nämlich die kopfhaut total aus und man bekommt einen schnupfen und ist unausstehlich.

    @bella: in dieser wohnung gibt es tatsächlich ein glätteisen. das gehört allerdings ebenfalls mir. ich glaube, wenn ich das vor ihren augen zerstören würde, würde sie sich kaputtlachen. das wäre kontraproduktive mütterlichkeit.

    @irmi: bei dir ist das (achtung!)höhere gewalt! deine jungs verlieren jetzt schon ihre haare? das liegt wahrscheinlich an der guten bergluft.

    @duftbäumchen: dass das drei tipps mehr waren als angekündigt hast du aber mitbekommen? das mit der brille ist aber eine gute idee. die werde ich zukünftig beherzigen, wenn ich mal wieder eine kontaktlinse verloren habe.

    @aquii: du hast keine ahnung, wie mütterlich ich abends bin.

    @st: eine sehr kühle idee! lass’ uns schon mal auf pinkfarbene krücken sparen. ach ja: bald sind ja osterferien und die sprotte kann schon alleine zug fahren …

  13. on 25 Feb 2009 at 9:38 AM MissAnni

    Guten Morgen werte frau z.,

    ich denk noch haben sie genügend haare für eine volle haarpracht. Mit der Vergangenheit wollte ich erklären, dass einer der beiden schon ausgezogen ist…

    :-D

    Sonnigste Schneegrüße aus dem Süden!

  14. on 25 Feb 2009 at 11:40 AM Lobo

    Wie zurückbringen ??

    Dann bekommt den zweiten Föhn eben die Tochter, so als Ausgleich wegen der seelischen Grausamkeit und so …

    ;-)

  15. on 25 Feb 2009 at 11:49 AM zoee

    @lobo: genau den gleichen klugen einfall hatte die teenie-sprotte ebenfalls. dann hätte sie nämlich einen “eigenen” für den sie dann auch “total verantwortlich” wäre. auf meine frage, ob sie denn für einen geliehenen föhn nicht ebenfalls verantwortlich wäre kam als antwort: “na, wenn ich ihn aber dann verliere, dann bin ich SELBER SCHULD!”
    ich muss mir heute wieder eine grauabdeckung besorgen.

    @irmi: echt? einer ist schon ausgezogen? gestern haben sie sich beim fussball doch noch die knie aufgeschrammt.

  16. on 25 Feb 2009 at 12:24 PM MissAnni

    Tja – die Zeit soll in Bayern angeblich verkehrt rum laufen, aber älter werden die Söhne auch hier…

    Eine Grauabdeckung? Haste die tatsächlich nötig?

  17. on 25 Feb 2009 at 2:05 PM Lobo

    Ich liebe Teenagerargumentationen :

    Wenn ich den eigenen Föhn verliere bin ich selber Schuld, wemm ich einen geliehenen verliere andere.

    Köstlich ! :-D

  18. on 28 Feb 2009 at 10:02 PM lesof

    wegen baldigen umzugs meinerseits nach hh schlage ich folgendes vor:

    du schickst mir das rentitente gör zur strafe zum tapenten abkratzen vorbei!

  19. on 28 Feb 2009 at 10:08 PM lesof

    auch verdammt, der streß

    “renitent” heißt das natürlich
    und es sind auch “tapeten”

  20. on 05 Mrz 2009 at 8:42 AM Silke

    Es gibt nur eine Lösung dem zu entgehen:
    Mit Eintritt des kritischen Alters (also mit 13) als Austauschschüler in die USA und mit 21 dürfen sie dann wiederkommen.

Leave a Reply

Trackback URI | Comments RSS