
dies ist nun der fünfte Brief, den ich Dir seit unserer Trennung vor drei Tagen schreibe und ich hoffe, dass Du diesen hier endlich beantworten wirst.
Ich habe viel über unsere einwöchige Beziehung nachgedacht und ich glaube, ich verstehe Dein Handeln immer besser.
Dass Du mich z.B. aus Deiner Wohnung geworfen hast, als ich Dir meine Temperaturkurve geben wollte, das kann ich jetzt nachvollziehen. Ich hätte vorher mit Dir einen Termin diesbezüglich vereinbaren sollen. Es war einfach ein sehr ungünstiger Zeitpunkt, um Dich mit meiner Empfängnislyrik zu überraschen. Ausserdem hätte ich ja auch bis nach meinem Lyriktermin warten können, da wollte ich sowieso Deine Grundeinstellung zur Verhütung diskutieren. Es tut mir sehr leid, Heiner, dass ich Dich damit überrumpelt habe. Ich hätte wissen müssen, dass Du mit so einer Situation total überfordert sein musst.
Ich habe das schon gemerkt, als ich Dich gebeten habe mich zu einem Chortermin, der mir total wichtig ist, weil ich auch in einer Beziehung eigene Interessen pflegen möchte und auch muss, zu begleiten. Du hast so getan, als hättest Du etwas anderes vor, aber mir war schon klar, dass Du Angst hattest, als mein Anhängsel zu gelten. Mensch, Heiner! Wieso hast Du denn nichts gesagt? Dann hätten wir darüber diskutieren können, wie wir uns in Zukunft gegenseitig bei so sozialen Terminen vorstellen sollen.
Auch dass Du Dich nach einer Woche von mir getrennt hast, weil ich Dir zu „stressig“ bin, kann ich jetzt verstehen. Du bist es eben nicht gewohnt, mit einer starken und selbstbewussten Frau zu kommunizieren. Das liegt sicherlich an Deiner Mutterbeziehung, von der Du mir noch nichts erzählt hast, aber das liegt natürlich auf der Hand. Der Schlüssel zu allen Missverständnissen ist immer embryonaler Natur! Und es ist natürlich sehr schwer Dinge, die einen schmerzen, auch zu verbalisieren. Vor allem der Person gegenüber, die man doch so liebt. Das macht einen eben verletzlich und ängstlich. Aber, Heiner, darüber kann man doch diskutieren!
Ich verstehe, Heiner, dass Du Angst hast. Grosse Angst! Das mit uns ist so schnell passiert und wurde sofort ganz, ganz nah und vertraulich und zärtlich und so selbstverständlich, dass es schon ganz klar ist, dass man da nicht so mithalten kann, wenn man das noch nie erlebt hat. Vor allem wenn man, wie Du, lieber Heiner, Grundängste gegenüber starken und selbstbewussten Frauen hat.
Aber Heiner, ich weiss, dass Du mich auch liebst! Deine Augen sind der Spiegel Deiner Seele und den kannst Du nicht zuhängen. Nicht vor mir, der Frau, die Dich ebenfalls liebt. Ich sehe doch, wie sich die Farbe Deiner Iris verdunkelt, wenn Du mich ansiehst, Heiner.
Du, gib’ Dir einfach einen Ruck! Man kann Berge nur bezwingen, indem man sie besteigt. Heiner, ich bin jederzeit für Dich da, das weißt Du doch! Komm’ lass uns zusammen zu meinem wöchentlichen Folkloretermin gehen und Deine Ängste wegtanzen! Du wirst sehen, danach bist Du wieder ganz leicht und wir können einander wieder vertrauen und lieben.
Also, Heiner, ich werde nachher mal kurz und ganz spontan bei Dir vorbeigehen und Dir diesen Brief persönlich übergeben, damit Du auch weißt, wie ernst und vorbehaltlos ich es mit unserer Liebe meine. Vielleicht können wir dann auch einen Tee miteinander trinken, Du liest den Brief und wir diskutieren dann ganz entspannt darüber. Ist wirklich kein Problem für mich. Ich verlege einfach meinen Dozentenjob an der Volkshochschule “Wahrnehmungsstörungen – wie erkennen?”. Meine Schüler verstehen das.
Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass Du Dich mir, der Frau die Du liebst, gegenüber endlich öffnen kannst. Aber mach Dir auf keinen Fall Sorgen, Heiner, wenn das nicht sofort funktioniert. Ich liebe Dich und ich kann warten, bis Du soweit bist. Und bis dahin bleibe ich an Deiner Seite, damit Du auch weißt, dass ich immer da bin, wenn Du Dein Verhalten diskutieren möchtest. Natürlich auch jederzeit ohne Termin.
Keine Sorge, mich wirst Du nicht los!
Bis gleich, mein lieber Heiner!
Deine Aggi
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