
Erster Schultag nach den Herbstferien. Was habe ich den morgendlichen Stress nicht vermisst! Ich stehe im Bad und restauriere. Plötzlich bemerke ich, dass die Wimperntusche nicht da ist, wo sie sein sollte. Auch nicht da, wo sie nicht sein sollte, aber sein könnte.
“Sag’ mal”, rufe ich “hast du meine Wimperntusche gesehen?”
“Neihein? Wiehiso frahagst du?”
Aha. Die Stimmlage kenne ich, aber ich habe jetzt keine Zeit, mich darum zu kümmern.
“Weil sie nicht da ist! Aber egal, ich habe irgendwo noch eine andere!”
“Ja, klar” ruft es zurück “aber immer erst mich verdächtigen! Du hast mir doch selbst erst eine braune Tusche gekauft! Ich brauche deine überhaupt nicht!”
Aha. Die Stimmlage kenne ich ebenfalls. Irgend etwas stimmt da nicht. Aber ich habe trotzdem jetzt keine Zeit, mich darum zu kümmern.
Wir spulen das übliche Morgenprogramm ab und ich bemerke, dass sie mir ständig ganz seltsam den Rücken zukehrt oder ihre Haare wie einen Vorhang über ihr Gesicht schüttelt. Ich habe immer noch keine Zeit, mich darum zu kümmern.
Endlich stehen wir auf der Strasse, um zum Bus zu gehen und der Moment der Wahrheit ist gekommen. Mich starren zwei grüngraue Teenieaugen mit fliegenbeinverklebten schwarzen Wimpern trotzig-verlegen an. Ich kann auf ihrer Stirn die Wörter “vielleichtvielleicht merkt sie es ja gar nicht” lesen.
“Willst du mich verscheissern? Wieso sagst du denn nichts? Oder glaubst du, ich bin so blöd und sehe das nicht?”
“Och, ich dachte mir einfach, du regst dich nicht so auf, wenn ein bisschen Zeit vergangen ist und wir auf der Strasse sind. Und ich habe ja jetzt auch gar keine Zeit mehr, mich abzuschminken oder willst du etwa, dass ich zu spät in die Schule komme?”
Keine Sorge, Sprottchen, ich rege mich nicht über Dinge auf, die gerade mal zehn Minuten, also Ewigkeiten, her sind. Und schon gleich gar nicht auf der Strasse. Wir sehen uns ja heute noch zuhause. Und morgen. Und übermorgen. Und überübermorgen. Und …
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