Alles Neider oder: es ist wie ein Unfall

Ich bin ja nun bekanntweise kein Liebhaber der seichten Fernsehkost, deshalb habe ich auch erst nach reiflicher Überlegung nach der Lindenstrasse zum „Wendler-Clan“ auf SAT 1 geschaltet.

Wer der „Wendler-Clan“ ist? Das weiss ich nicht so ganz genau, aber beim Friseur und beim Arzt lese ich gezwungenermassen die dort ausliegenden Zeitschriften und deshalb weiss ich, dass der Wenlder auf Malle ganz gross, der totale Schlagerkönig geworden und ganz natürlich ist. Ach ja, und dass sein Vater ihn mal in die Pleite geritten hat und er das gar nicht lustig fand, sondern ganz, ganz fies.

Die ersten 20 Minuten habe ich verpasst, aber der Einstieg war recht erfreulich: denn genau in dem Moment, als ich den Sender erreiche, steigt der Wendler aus der Dusche, nur neckisch mit einem Handtuch um die Lenden bekleidet. Leckernicht! Schliesslich muss er, wie er betont, für seine Fans gut aussehen. Verständlich. Andere duschen, um nicht zu stinken. Oder weil man das einfach ganz selbstverständlich täglich macht. Der Wendler hat aber da eine ganz andere Verantwortung.

Schnitt: jetzt kann man sehen, wie die beiden „Mädels“ vom Wendler ihre Zeit ohne Papa und Ehemann verbringen. Denn der Wendler hat einfach zu wenig Zeit, er hat nämlich 350 Auftritte im Jahr und er ist praktisch nur auf Achse. Natürlich mit Chauffeur und Hammermusik, wie er selbst sagt. Dazu gehören ausschliesslich Lieder seines eigenes Repertoires und die weibliche Stimme des Navigationssystems. Das Kind sieht man nicht und Frau Wendler hört sich die CD’s ihres Mannes auf dem Bett an. In Highheels. Die allerdings nicht auf dem Bett sind.

Schnitt: Haha, wie neckisch! Der Manager vom Wendler erzählt, dass er selbst immer 10 Minuten zu spät kommt und der Wendler immer nochmal doppelt so viel! Haha! Ja, man bleibt doch immer auch irgendwie Mensch, auch wenn man berühmt ist, näch? Was sind da schon Termine?

Schnitt: So, der Wendler mit Chauffeur, Auto und Bodyguard ist jetzt auf seinem Konzertplatz in Bochum angekommen. Weibliche Fans werden interviewt und ich verstehe immer mehr, warum der Wendler echt so der Knaller ist. Weil er so ein toller, natürlicher Mensch und die Musik einfach ebenfalls der Knaller ist!
Frau Wendler erklärt zwischendurch, dass sie noch kein einziges Konzert ihres Mannes miterlebt hat, weil das ja seine Arbeit ist und an seinem Arbeitsplatz hat sie ja nichts zu suchen. Ich hätte ja einen ganz anderen Grund vermutet, aber ich bin ja auch nicht Frau Wendler.
Auftritt vom Wendler. Alle Achtung, das Konzertfeld ist gut gefüllt und alle singen mit. Ich schätze mal, das sind bei diesem Auftritt zwischen 700 und 1000. Und er hat sogar zwei neckische Hintergrundglitzerröcke dabei!

Schnitt auf Frau Wendler, die ihre wendlerfreie Zeit natürlich mit wichtigen Dingen verbringt: sie hat eine Privatfriseurin bestellt, damit sie für “ihren Mann” immer gut aussieht. Schliesslich weiss sie, dass sie aufgrund ihrer Haarfarbe und –länge vor 20 Jahren „ausgesucht“ wurde. Aha.
Nach der Nachblondierung geht Frau Wendler in den Keller und erklärt, warum sie die Bügelfrauen braucht, die sie nicht einmal mit vorstellt. Wegen der vielen Oberhemden „ihres Mannes“.
Wenn sie noch einmal „mein Mann“ sagt, rufe ich sie an und petze, wie dieser mit Vornamen heisst, denn den scheint sie nicht zu wissen.

Schnitt auf den Wendler nach seinem Auftritt. Er zeigt zwar seinen Reichtum total gerne, badet auch gerne werbewirksam und vollpeinlich in einer Badewanne mit Goldstücken, findet es aber total eklig, dass er Neider hat die sogar unverschämt fragen, mit „welchem Auto er denn dieses Mal zum Konzert gefahren ist!“. Schliesslich würde er auch neidischen Kollegen alles gönnen. Ich denke auch, dass ein Antrieb zu seiner Karriere bestimmt nicht der Neid auf den Hermelin von Onkel Jürgen war.

Schnitt auf das Privatleben ohne dem Wendler: das Kind hat Kakao verschüttet und Frau Wendler, in hochhackigen schwarzen Stiefeln, ist völlig entsetzt. „Wie ist das denn PASSIERT??? Hast du die Tasse umgekippt???“ Frau-Wendler-Mama kommt dazu und macht ebenfalls lautstark den Profiler: „Das kann ja schon mal passieren, die Tasse kann ja mal umkippen!“ Das Kind beteuert erschrocken, dass “die Tasse einfach so“ umgekippt ist, aber beide Damen meckern und putzen völlig hysterisch um die Wette, als wenn gerade die Welt untergegangen wäre. Und nicht einfach nur eine Tasse Kakao auf den Tisch und die Fliesen gepfützt. Das Kind sitzt völlig verstört auf seinem Stuhl und fragt, warum man es denn bekommen hat, wenn man es doch sowieso nicht haben will.

Schnitt: Wendler-Mama schminkt und putzt sich im Bad. Sie sieht aus wie Cinderella in Disney-Echtzeit und ist total aufgeregt, weil der Sohnemann gleich im „Delta“ auftritt, wo seine Karriere begann. Aufgeregt ist sie, weil das quasi so ist, als wenn sie selbst auftreten würde, wie sie selbst sagt. Kann ich verstehen. Bei der ersten Theateraufführung meiner Tochter als achter Zwerg wäre ich auch am liebsten auf die Bühne gesprungen. Aber der Wendler ist auch sehr lieb und erwähnt seine Mutter ganz freiwillig vor versammelten Publikum und outet sie als Frau, die ihn geboren hat. Mama ist erfreut und tanzt im jugendlichen Satinkleidchen mit ihrem jungendlichen Freund Foxtrott. Niedlich! Nicht.

Schnitt: Der Wendler bespricht das neue Video mit seiner Frau. „Nina reloaded“. Ich muss jetzt schon lachen, der knutscht bestimmt oder macht etwas noch viel Schlimmeres! Hahaha, stimmt: die Protagonistin ist blond, keine 20 und im weissen Minikleid halbnackt, rotes Cabrio auf sonnengeschwängerter Landstrasse, Geknutsche im kühlenden Meer und Frau Wendler ist nicht amüsiert. Gar nicht amüsiert. Vor allem ist sie total darüber unamüsiert, dass dem Wendler die Knutschszene selbst eingefallen ist. Tja, Frau Wendler, ich sag‘ mal: wären Sie öfter mal „auf Arbeit“ mit Ihrem Mann gewesen, wüssten Sie ein bisschen besser über seinen Job Bescheid. Und wie “echt” ein Videodreh ist.

Aussprache zwischen den Eheleuten. „Das sah total echt aus!“ – „Das war aber nicht echt!“ – „Gib‘ doch zu, dass es dir gefallen hat!“ – „Ja, sie hat ja nicht schlecht geküsst!“. Einsicht der Frau Wendler: „Ich bin ja nur neidisch, weil er nach 20 Jahren andere Lippen küssen kann und ich nicht! Und er hat das Drehbuch für den Clip selbst geschrieben und das ist ein bisschen zuviel für mich!“. Hallooooo, Frau Wendleeeeeer!?!??! Merken wir etwas?

Schnitt: Sie regt sich wieder ab und geht Jeans für den Wendler kaufen. Er hat sich da schon eine ausgesucht und vorbestellt, die holt sie im Zehnerpack zusammen mit der Tochter ab. Was für ein Stress, Kind, Mann und Haushalt unter einen Hut zu bringen! Ich finde es toll, was sie für ihren Mann tut. Huch – nur eine goldene Amex? Keine schwarze? Da frage ich mich doch, wer die Neider unter den Kollegen sind.

Schnitt: Der Wendler ist alleine zuhause und bestellt Pizza-Taxi. Nicht Pizza, sondern Pizza-”Taxi”. Er benutzt auch bestimmt keine Ohrenstäbchen, sondern „Q-Tips“, die Lippenpflegestifte heissen allesamt „Labello“, Taschentücher „Tempo“ und für die Suppe gibt es die Magnumflasche „Maggi“, weil „Liebstöckel“ wie ein blauer Frauenstrumpf klingt und deshalb kein Gewürz ist.

Schnitt: Frau Wendler, in hochhackigen Schuhen im Wohnzimmer an Schwiegermutter, hat ein Wagnis gewagt und anstatt eines weissen Oberhemdes ein graues Hemd gekauft. Huuui! Der Wendler ist skeptisch, lässt sich aber dazu herab, das Hemd über die nackte Brust zu werfen. Die Frauen jubeln „Das sieht total gut aus!“, der Wendler ist immer noch nicht überzeugt: „Das sieht nur gut aus, weil ich es noch nicht zugeknöpft habe!“. Ich finde das Hemd hübsch, ist so schön grau. Der Wendler gibt zu, dass er das nur gesagt hat, um niemanden zu verärgern. Frau Wendler vermutet, er hätte das nur gesagt, um sie nicht zu verärgern.

Schnitt: Endlich mal Freizeit für den Wendler-Clan. Wo geht es hin? Natürlich da, wo es ganz privat ist: auf den Rummelplatz. Mit Bodyguard. Da kann man nämlich „total gut wieder runterkommen“ und sich mal „nur um die Familie kümmern!“ . Das Kind ist sehr schnell sehr genervt, weil Papa ständig Autogramme geben muss „Schätzchen, ganz kurz nur!“. Ich hoffe, niemand hat jetzt gedacht, dass der Wendler ein Gedankenloser ist, denn immerhin ist eine Kirmes ein Paradies für Kinder und das Kind wurde mit der Mutter auch in einem Fahrgeschäft gefilmt! Und was kann er denn dafür, meine Güte, wenn man ihn auf dem Rummelplatz in seiner Heimatstadt erkennt! Man könnte ja auch voraussetzen, dass die Dinslakener mal ein bisschen Privatsphäre respektieren, oder? Ein Schelm, wer jetzt denkt „Was für ein Depp!“. Der Wendler zeigt sich auch verstaunt, dass seine Familie total genervt davon ist, dass der Papa immer im Mittelpunkt steht. Ich nicht. Ich bin kein bisschen erstaunt.

Schnitt: Aber jetzt wird es richtig privat und familiär: der Bodyguard darf das Kind nach dem Rummelplatzbesuch ins Bett bringen.

Mir geht es langsam auf die Nerven, dass der Wendler von sich immer nur in der dritten Person spricht. „Für den Wendler ist Malle gar nicht normal, weil er ja Popfox macht!“ – „Der Wendler steht ja für ‚edel‘ für ‚gross‘!“ Habe ich irgendwie einen Cäsar verpasst? Nachdem er nach dem Konzert ein paar Monsterbrüste signiert hat („da kann er gerne gross schreiben“ – Danke an die Redaktion!) , geht er ganz alleine in seine mallorquinische Villa. Nicht ganz alleine, er hat ja noch das gesamte TV-Team dabei, aber immerhin kann er traurige Klopferaugen machen und zuverlässig versichern, dass er sich immer einsam fühlt und das „Leben“ in Deutschland stattfindet, weil seine Tochter schulpflichtig ist, er aber trotzdem ständig auf Malle arbeiten muss. Ich kommentiere das nicht weiter.

Und es geht weiter: der Wendler kauft sich ein neues Haus, das er zum Schloss umbauen möchte und Frau Wendler beteuert total aufrichtig, sie brauche keine Statussymbole, sie könne auch Fahrrad und mit einem Golf fahren und in einer kleinen Wohnung leben. Wahrscheinlich nur, solange Platz für eine Privatfriseuse ist. Aber vier Garagen, ein Stall für 20 Pferde, ein eigener Yachthafen und eine bescheidene Mutter, die versteht, dass der Wendler-Sohn „Platz braucht“ – da ist dass dann schon okeh, wenn es ein paar Neider mehr gibt, die nicht kapieren, was Lebensqualität heisst und dann kann man sich schon in so ein widriges Schicksal fügen.

Aber was verstehe ich schon von so einem Leben auf der Überholspur? Mir folgen ja auch keine Kameras auf’s Klo.

Ich glaube, ich bin einfach nur neidisch.

P.S.: Ich hoffe mal, arte sendet nächsten Sonntag um die gleiche Zeit nicht wieder so einen Doku-Müll.

11 Comments »

11 Responses to “Alles Neider oder: es ist wie ein Unfall”

  1. on 04 Jan 2010 at 9:35 AM HerrSch

    Toll, toll, toll … da ich gestern arbeiten durfte habe ich Lindenstrasse, Wendler, etc. alles verpasst, jetzt weiss ich zumindest beim Wendler das ich … äh … alles verpasst habe … Halten wir also fest, Lindenstrasse gucke ich auch 2010 und wir setzen dann beide mal auf Arte, oder das der Fernseher kaputt geht :-)

    Wünsche Dir ein tolles und spannendes 2010 :-)

    Der Witz an der Sache ist, ich wusste bisher überhaupt nicht, wer der Wendler ist – so kann das alles auch nichts werden :-)

  2. on 04 Jan 2010 at 10:32 AM Frau Vivaldi

    Ich kannte den bis zur Sat1-Vorschau auch nicht. Und dank Dir weiß ich jetzt auch, dass ich nix verpasst habe.
    Alles Gute in 2010!

  3. on 04 Jan 2010 at 11:53 AM Herr Schmidt

    Super! Jetzt weiß ich, dass ich diese Sendung nicht schauen brauche, weil Du sie erstklassig zusammenfasst. Danke.

    Frohes, neues Jahr!!!

  4. on 04 Jan 2010 at 5:44 PM lesof

    mensch, und wird dieses jahr dann mal der wendler zun nem event eingeladen von euch?

  5. on 04 Jan 2010 at 6:50 PM Der Borusse

    Beim Zappen bin ich für 5 Minuten bei dem Spacken hängengeblieben – mein Gott, ist der hohl, der schwimmt ja wirklich in Milch!
    Happy new year, Miss Zoee, und genieße die Sonntage ab jetzt.

  6. on 04 Jan 2010 at 9:12 PM Steffy

    Hey Zoee, ich verstehe dich – und ich verstehe eigentlich alle Leute die sich über den Wendler aufregen. Ich war letztens auf einem Konzert und fands geil, mag auch seine Musik – find den Typen sogar geil (also nicht vom Aussehen, na danke) aber gerade aufgrund seiner Art. Der ist so dumm dass es schon wieder gut ist – wenn du verstehst was ich mein.
    Eigentlich hat er jetzt mit der Doku schon geschafft was er erreichen wollte, PR für sein “neues” Album kriegen, denn das ist das witzige – und das ist überall so, ob bei GZSZ, DSDS oder sonst wo – jeder meckert, aber irgendwie muss er doch an das Geld für die Ranch und seine Klamotten/Autos gekommen sein.

    Aber ein sehr netter Artikel :)

  7. on 04 Jan 2010 at 9:59 PM rowin

    Ein Juwel der Fernsehunterhaltung – und ich hab es verpasst. Naja, wird schon nicht so schlimm sein. Zum einen hab ich ja jetzt ein gutes Bild der ersten Folge und die Staffel dauert ja noch lange.
    Bekommen wir jetzt jede Folge so eine fundierte Zusammenfassung?

    Ich male mir bereits ein Celebritäy Däthmatsch zwischen den Herren Drews und Wendler aus.

  8. on 04 Jan 2010 at 10:03 PM der.grob

    Großartiger Musiker.

  9. on 05 Jan 2010 at 10:31 PM kraM

    kann mich herrn grob nur anschließen. ich glaube sie sind einfach, wie sie schon sagen, ziemlich neidisch. das finde ich schade, dass sie das neue jahr gleich wieder so beginnen. wendler4ever! seien sie nicht so gehässig!

  10. on 06 Jan 2010 at 1:04 PM zoee

    ja, ich bin gehässig und total neidisch. und das alles nur, weil ich doch so gerne auch ein wunschkind vom wendler wäre. es ist ein ungerechtes leben.

    und frohes neues jahr wünsche ich ebenfalls!

  11. on 11 Jan 2010 at 3:40 PM frozen

    Liebe Zoee,

    also um es kurz zu fassen:

    Jetzt bin ich NEIDISCH! :)

    VlG
    Nat

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