
Wer fliegt denn schon innerdeutsch heutzutage? Die ganze Warterei, die Umweltsauerei und Essen gibt es auch keins mehr – das muss man sich nun wirklich nicht antun. Ausserdem sind die sozialen Kontakte wegen der Beinfreiheit total eingeschränkt.
Das einzig Wahre ist Bahn fahren. So sieht das nämlich aus.
Schon am Bahnsteig kann man sich umsehen und sich auf die angenehme Gesellschaft freuen, die einem gleich geleistet wird. Z.b. das niedliche Pärchen mit dem niedlichen Kinderwagen, aus dem so niedliche Lammfellschühchen strampeln. Sie, kurze rote Haare, in braunes Leinen gehüllt, er, wenig Haare, Nickelbrille, in Cordhose und gestreiftem Leinenhemd, das in der Hose steckt und etwas ungünstig am Hintern ausbeult. Die niedliche Mama beugt sich alle naselang zu den niedlichen Lammfellschühchen und sagt immer wieder: “Jajajaja! Eideideidei! Ja wer ist denn da?”. Dabei sieht sie sich unauffällig-auffällig um, ob auch ja alle mitbekommen, was für eine tolle Mami sie ist. “Jajajaja! Eideideidei! Ja wer ist denn da?” Die Lammfellschühchen strampeln etwas heftiger und seltsame Laute sind aus dem Kinderwagen zu hören. Ich bilde mir ein, “Lass’ mich doch endlich in Ruhe schlafen!” oder ähnliches zu hören. Aber nein, die niedliche Mami will das Kind natürlich bemamien “Jajajaja! Eideideidei! Ja wer ist denn da?” wiederholt sie ein ums andere Mal. Gucki-Gucki ebenfalls, während dem Papi die Brust schwillt, weil seine Familie so niedlich und toll ist. Doch, das wird bestimmt richtig toll und niedlich mit Maria und Josef. Der Zug fährt ein und für einen kurzen Augenblick bin ich ganz traurig, als die beiden in den Nebenwagen einsteigen. Ich hätte mich so über etwas angenehme und natürliche Gesellschaft gefreut!
Keine fünf Minuten später kommt die heilige Familie allerdings in den Grossraumwagen, in dem ich bereits sitze. Ich freue mich sehr! Sie sehen sich um, steuern den Vierertisch mir schräg gegenüber an und Maria fragt ganz freundlich: “Ist denn hier noch Platz für uns? Ich möchte gerne …” Kunstpause “… mein Baby stillen!” und wartet die Reaktion ab. Der Typ, der den Vierertisch ganz unmöglich für sich alleine beansprucht reagiert natürlich so, wie alle Männer eben reagieren: “Ja klar!” sagt er kurz angebunden. Kein Wort der Bewunderung darüber, wie mutig und toll die Maria ist, dass sie ihr Baby erstens stillt und zweitens das auch noch in aller Öffentlichkeit. Was für ein prüder Typ! Maria setzt sich hin, lüpft das obere Leinen und drückt ihr Baby ganz natürlich an die entblösste Brust. Während das Baby nuckelt, starrt sie diesem ganz intensiv in die Augen, weil das ganz wichtig ist für die Verbundenheit. Josef setzt sich neben sie, legt den Arm um ihre Schulter und starrt erst seine niedliche Familie verliebt und dann den Rest des Waggons stolz an. Ich bin sehr gerührt, weil das so rührend ist. Und so natürlich! Das Baby wird an der anderen Brust angelegt, Maria und Josef starren weiterhin ihre elterlichen Aufgaben.
Nachdem das Baby satt ist, steht Josef auf, legt es sich über die Schulter, klopft ihm beruhigend auf den Rücken und geht mit wiegenden Schritten den Waggon auf und ab. Dazu macht er “Schschsch! Schschsch!” und geht im Takt immer ein bisschen in die Hocke, während er sich weiter wiegt. Gleichzeitig starrt er auffällig-unauffällig herum, ob auch jeder mitbekommt, wie natürlich es ist, sich auch als Mann um den Nachwuchs zu kümmern. Gleich muss ich weinen, der Josef hat bestimmt eine Auszeit genommen, um die Entwicklung von Baby auch total intensiv vom ersten Tag an mitzubekommen!
Maria hat in der Zwischenzeit das Leinen wieder über ihre Brüste gezogen und guckt uns allen einzeln und betont ins Gesicht um sich zu vergewissern, ob wir auch alle ganz genau zugesehen und verstanden haben. Ich verstehe sie. In der heutigen verrohten Zeit ist es einfach total wichtig, dass die natürlichen Instinkte nicht verloren gehen. Schön, dass die beiden uns das plakativ vor Augen führen! Danke Maria! Danke Josef! Jetzt weine ich wirklich!
Plötzlich höre ich hinter mir ein lautes “Ihgitt! Was ist das denn für eine Schweinerei!” Das Baby hat mit dem Bäuerchen zusammen einen ganzen Schwall verkrümelter Muttermilch mit ausgestossen. Diese rieselt am rückwärtigen Leinenhemd von Josef herunter und tropft von dort auf den Boden. Josef stört sich ganz männlich nicht daran, weil das total natürlich ist und durch ein Spucktuch wäre die Entwicklung des Babys natürlich auch total gefährdet, und wiegt, hockelt und schschscht sich wieder in Richtung Maria, die ganz niedlich lächelt, wegen der natürlichen Darmtätigkeit ihres Babys.
“Hey!” höre ich es ganz aggressiv hinter mir “Können Sie die Schweinerei bitte wegmachen? Das stinkt!”. Oh Mann, ich bin entsetzt! Der hat den Josef einfach gesiezt! Der hat einfach nicht kapiert, dass das ein ganz wichtiger Moment ist, an dem Maria und Josef uns haben teilnehmen lassen! Da ist man per Du, da ist man eins mit der Welt und der Natur! Durch das Siezen hat dieser aggressive Widerling eine plötzliche Distanz geschaffen! Ich merke, wie der Rest der Mitfahrer plötzlich zu Mitläuferlämmer werden, die ebenfalls lautstark verlangen, dass der natürlichste Auswurf der Welt zu entfernen sei. Vorbei ist der magische Moment!
Maria nestelt sichtlich schockiert ein paar Ökotaschentücher aus ihrem Rucksack und reicht sie Josef. Tief bekümmert reicht Josef ihr das Baby und schickt sich an, den Boden zu reinigen. In gebückter Haltung. So gedemütigt habe ich noch nie einen Mann gesehen. Ich weine jetzt nicht mehr, ich schluchze!
Nachdem der Boden sauber ist, steht Maria mit dem Baby im Arm auf, Josef geht zu ihr, legt ihr den Arm um die Schulter und gemeinsam schicken sie sich an, das Abteil zu verlassen. Ihren Rücken kann man ansehen, wie schwer es sein muss, das Kreuz der Ignoranz und Verdrängung ganz alleine tragen zu müssen. Das tut mir so weh!
Kurz vor der Abteiltür drehen sich die beiden zu uns um und lassen ihre Blicke über die Lämmerherde und ihren Leithammel schweifen. Ich kann ihre erschütterten Seelen richtig spüren! Und ich verstehe auch die Botschaft. Ich verstehe sie! Sie drehen sich traurig um. Leise schliesst sich die Tür hinter den beiden.
Und schon wieder ist ein Engel der Mitmenschlichkeit gestorben.
—
Foto mit freundlicher Genehmigung aus der netten Nachbarschaft entliehen. Danke schön, Lorelei!
20 Comments »